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Interview

Marcus Riedler: Wenn die Technologie die Möglichkeiten vorgibt

Mit KI verändert sich nicht nur die Softwareentwicklung, sondern auch das Zusammenspiel von IT und Fachabteilungen. Marcus Riedler, Head of Sales & Marketing bei cloudWerkstatt, spricht über KI-Agenten, digitale Souveränität und die Zusammenarbeit mit Red Hat.

Marcus Riedler: Wenn die Technologie die Möglichkeiten vorgibt

„Mit Red Hat hat sich über die Jahre eine enge Partnerschaft entwickelt, die mit den neuen Möglichkeiten rund um KI und OpenShift AI jetzt eine zusätzliche Dimension bekommt.“ Marcus Riedler, Head of Sales & Marketing bei cloudWerkstatt
Bild: cloudWerkstatt

EHZ austria: Im Vorgespräch haben Sie gesagt, dass die Technologie mittlerweile vorgibt, was möglich ist. Was meinen Sie damit konkret?
Marcus Riedler:
Bisher war es üblicherweise so, dass die Fachabteilungen ihre Anforderungen an die IT weitergegeben haben und die Technik diese umgesetzt hat. Mit KI dreht sich das ein Stück weit um. Plötzlich kann die Technologie den Fachabteilungen aufzeigen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Das Potenzial ist enorm. Umso wichtiger ist es, konkrete Use Cases zu entwickeln und zu zeigen, was sich damit tatsächlich umsetzen lässt. Gemeinsam mit einem Softwareentwicklungs- und Engineering-Unternehmen haben wir deshalb einen Use Case für den gesamten Softwareentwicklungsprozess erarbeitet – von der Anforderung bis zum getesteten Code, mit klar definierten Schritten. Wir können damit genau zeigen, welches Problem gelöst wird und welchen Nutzen die Anwendung bringt.


Was sind die Schwerpunkte der cloudWerkstatt und wer sind Ihre Kunden?
Marcus Riedler:
Wir sind seit 2014 als cloudWerkstatt tätig und haben uns auf die Architektur, Implementierung und den Betrieb von Container-Plattformen spezialisiert. Dabei begleiten wir unsere Kunden von der technischen Konzeption über die Umsetzung bis zum laufenden Betrieb. Wir sind in zahlreichen Projekten in ganz Europa tätig und arbeiten vor allem für Unternehmen und Organisationen in hochregulierten Bereichen. Dazu zählen die öffentliche Verwaltung, Versicherungen und andere Einrichtungen, bei denen besondere Anforderungen an Sicherheit, Compliance und digitale Souveränität gelten. Technologisch setzen wir seit unserer Gründung vor allem auf Red Hat. Die Lösungen des Unternehmens bilden unseren wichtigsten Technologie-Stack. Daraus hat sich über die Jahre eine enge Partnerschaft entwickelt, die mit den neuen Möglichkeiten rund um KI und OpenShift AI jetzt eine zusätzliche Dimension bekommt.


Red Hat ist ein US-amerikanisches Softwareunternehmen und seit 2019 Teil von IBM. Der Schwerpunkt liegt auf Open-Source-Technologien für den Unternehmenseinsatz. Zum Portfolio gehören das Betriebssystem Red Hat Enterprise Linux, die Container-Plattform Red Hat OpenShift sowie Lösungen für IT-Automatisierung und Management. Mit Red Hat AI adressiert das Unternehmen zudem die Entwicklung und den Betrieb von KI-Anwendungen. Als globaler Konzern arbeitet Red Hat im lokalen Geschäft mit Partnerunternehmen zusammen, die ihre Marktkenntnis und Kundennähe einbringen. Dazu zählt auch cloudWerkstatt, mit der Red Hat seit mehr als zehn Jahren zusammenarbeitet.


Sie arbeiten vor allem für Unternehmen mit hohen Anforderungen an Sicherheit und Compliance. Welche Bedeutung hat dabei das Thema digitale Souveränität gewonnen?
Marcus Riedler:
Die geopolitische Entwicklung spielt uns hier natürlich in die Karten. Unternehmen und Organisationen beschäftigen sich heute wesentlich intensiver mit der Frage, wo ihre Daten liegen, wie sie geschützt werden und wie sich regulatorische Anforderungen erfüllen lassen. Dazu zählen etwa DORA und NIS2. Unternehmen, die selbst Software entwickeln und anbieten, betrifft zusätzlich der Cyber Resilience Act. Genau in diesem Umfeld liegt unsere Kernkompetenz. Wir können mittlerweile auch KI-Anwendungen, wie man sie von den großen US-Technologiekonzernen kennt, auf einer eigenen Infrastruktur in Europa betreiben.


Welche konkrete KI-Lösung haben Sie entwickelt?
Marcus Riedler:
Unser Produkt heißt ATHISE. Dahinter steht eine souveräne, KI-gestützte Lösung, die den gesamten Softwareentwicklungszyklus unterstützt. Es geht also nicht nur darum, mithilfe von KI einzelne Code-Snippets zu erstellen, sondern die gesamte Entwicklungsorganisation zu unterstützen. Dafür stellen wir unterschiedliche KI-Agenten bereit, die verschiedene Rollen innerhalb der Softwareentwicklung übernehmen. Unser Anspruch ist es, sämtliche Phasen des Entwicklungsprozesses abzudecken – von der Analyse über die Architektur, das Coding und das Testing bis hin zum Deployment. Ein ganz wesentlicher Punkt ist für uns der sogenannte „Human in the Loop“. Wir wollen nicht, dass die KI den gesamten Entwicklungsprozess autonom durchläuft. Es soll keine Blackbox entstehen, in die man ein Lastenheft eingibt und am Ende einen fertigen Code erhält, ohne zu wissen, was dazwischen passiert. Vielmehr geht es darum, jeden Schritt kontrolliert und nachvollziehbar zu gestalten. Wesentliche Entscheidungen werden also weiterhin von Menschen getroffen.


Immer wieder gibt es Berichte über KI-Systeme, die unerwartetes Verhalten zeigen oder vorgegebene Grenzen überschreiten. Wie gefährlich kann KI werden und wie viel Eigenständigkeit erlauben Sie ihr in Ihren Anwendungen?
Marcus Riedler:
Wir gehen bei der Absicherung sehr weit, bis hin zu sogenannten Air-Gap-Umgebungen. Das bedeutet, dass unsere Lösung vollständig on-premises auf Basis von Red Hat OpenShift in einem abgeschotteten Cluster betrieben werden kann, der physisch vom Internet getrennt ist. Die KI hat damit keinen Zugang zum Internet. Was die Kreativität der KI betrifft, ist die Frage allerdings schwieriger zu beantworten. Auch bei einigen der bekannt gewordenen Vorfälle sollen KI-Systeme versucht haben, bestehende Beschränkungen zu umgehen, obwohl kein Internetzugang vorgesehen war.


Anders als klassische Software arbeiten große Sprachmodelle (LLMs) nicht deterministisch und können auch unvorhergesehene Lösungswege einschlagen. Das eröffnet neue Möglichkeiten, birgt aber auch Risiken, etwa wenn KI-Systeme vorgegebene Grenzen überschreiten. Red Hat setzt deshalb auf abgesicherte   Ausführungsumgebungen und durchgängige Transparenz . Die Container-Plattform Red Hat OpenShift bietet dafür Sicherheitsmechanismen wie Sandboxing, bei dem Anwendungen in isolierten Umgebungen ausgeführt werden. Monitoring-und Observability-Tools ermöglichen es zudem, die Aktivitäten von KI-Agenten nachzuvollziehen und bei Bedarf einzugreifen.


Welche Rolle spielt OpenShift AI bei Ihrer Lösung?
Marcus Riedler:
Dass wir uns für OpenShift AI entschieden haben, liegt nicht nur an unserer langjährigen Partnerschaft mit Red Hat. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass die Funktionen für Monitoring und Auditierung nahtlos in unsere Anwendung integriert werden können. Wir müssen dafür keine eigenen Lösungen entwickeln oder zusätzliche Integrationen schaffen. Auch die KI-Modelle, die wir einsetzen, müssen wir nicht selbst integrieren: OpenShift AI unterstützt unterschiedliche Modelle, deren Einbindung im Wesentlichen eine Frage der Konfiguration und nicht der Entwicklung ist. Monitoring und Auditierung der gesamten Anwendung bekommen wir mit OpenShift AI also praktisch out of the box.

Neben den Sicherheits- und Kontrollmechanismen zählt die Flexibilität zu den wesentlichen Eigenschaften von Red Hat OpenShift. Die Plattform ermöglicht den Betrieb von Anwendungen in unterschiedlichen IT-Umgebungen – vom eigenen Rechenzentrum über Private-Cloud-Infrastrukturen bis zur Public Cloud. Damit können Unternehmen ihre Betriebsmodelle an unterschiedliche Anforderungen anpassen.


Digitale Souveränität bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Anwendung im eigenen Rechenzentrum betrieben werden muss?
Marcus Riedler:
Wir können unsere Lösung souverän auf einer eigenen Infrastruktur betreiben. Das ist aber nicht in jedem Fall erforderlich. Manche Unternehmen verfolgen eine Cloud-Strategie, die auch Public-Cloud- oder Hybrid-Modelle zulässt. Genau hier liegt für uns ein wesentlicher Vorteil von OpenShift: Wir können unsere Lösung in unterschiedlichen Umgebungen anbieten, ohne sie dafür jedes Mal anpassen zu müssen. Diese Flexibilität war auch ein entscheidender Grund für unsere Technologiewahl.


Der Open-Source-Gedanke prägt bei Red Hat nicht nur die Technologie, sondern auch die Zusammenarbeit im Partnerökosystem. Das Unternehmen setzt darauf, unterschiedliche Kompetenzen zusammenzubringen. So können sich Spezialisten für Automatisierung, Security und andere Technologiebereiche bei komplexen Projekten ergänzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Communities, in denen Wissen geteilt und Lösungen gemeinsam weiterentwickelt werden. Für Red Hat sind Zusammenarbeit und der offene Austausch von Know-how nicht nur Teil der Unternehmenskultur, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells.


Wie erleben Sie die Zusammenarbeit innerhalb dieses Partnerökosystems?
Marcus Riedler:
Was mir bei cloudWerkstatt und in diesem Ökosystem besonders auffällt, ist das Miteinander. In der Vergangenheit habe ich oft erlebt, dass Unternehmen sehr stark im Konkurrenzdenken verhaftet waren. Hier ist das anders. Jeder bringt seine eigenen Lösungen und Kompetenzen ein, die sich wiederum mit den Services anderer Partner ergänzen. Es geht viel stärker um Zusammenarbeit als um Wettbewerb. Und das macht die Arbeit ehrlich gesagt auch wesentlich angenehmer.


Mit dem zunehmenden Einsatz von KI stellt sich auch die Frage nach künftigen Abhängigkeiten von großen Technologieanbietern. Red Hat sieht in Open Source einen Ansatz, um KI-Technologien breiter zugänglich zu machen und ihre Weiterentwicklung auf mehr Akteure zu verteilen. Die Demokratisierung von KI und digitale Souveränität sind dabei eng miteinander verbunden.

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