Kommentar
Recovery wird zur Königsdisziplin
Datensicherung allein reicht nicht mehr. Drei Experten erklären, warum Recovery, Identitäten und KI neue Anforderungen stellen und wo die größten Herausforderungen liegen.

Drei Experten erklären, warum Recovery, Identitäten und KI neue Anforderungen stellen und wo die größten Herausforderungen liegen.
Seit 2011 erinnert der World Backup Day am 31. März an die Bedeutung der Datensicherung. Doch während das Etikett gleich bleibt, hat sich die technologische Realität massiv verschoben – Themen wie dezentrale Infrastrukturen, agentische KI oder die Recovery von Identitätssystemen waren vor kurzem noch Science-Fiction, heute sind sie kritische Flaschenhälse. Wir haben drei kompakte Experten-Statements zusammengestellt, die den Fokus auf die tatsächlichen Schmerzpunkte 2026 legen.
„Backup kann jeder. Recovery ist die Kunst!“ – Tobias Pföhler, EMEA Sales Director StorMagic
Eigentlich sollte der World Backup Day in „World Recovery Day“ umbenannt werden. Denn Backups erstellen kann heutzutage eigentlich jeder – eine zeitnahe und vollständige Wiederherstellung ist dagegen die wahre Herausforderung. Das Problem: Backup-Strategien basierten in der Vergangenheit meist auf zentralisierten Systemen. Doch die Realität hat sich gewandelt, Umgebungen werden immer dezentraler. In verteilten Infrastrukturen – besonders an Standorten mit eingeschränkter Konnektivität – ist das alte Modell (Daten zentral sichern und bei Bedarf mühsam zurückholen) ein gefährlicher Flaschenhals. Wenn die Wiederherstellung zum Geduldsspiel wird, steht das Business still.
Ergo: Backup-Strategien von gestern passen nicht mehr zu den verteilten Umgebungen von heute. Wer hochgradig widerstandsfähig sein will, muss Backup und Recovery als untrennbare Einheit denken. Für weit verteilte Infrastrukturen bedeutet dies: Aktuelle Kopien müssen näher an den Ort ihrer Nutzung und Prozesse müssen standortübergreifend validiert werden. Nur so gelingt echte IT-Resilienz und Backups werden zur Lebensversicherung für den laufenden Betrieb.
„Die Wiederherstellung von Identitäten wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Krisenbewältigung“ – Sean Deuby, Principal Technologist, Semperis
Ein Backup ist nutzlos, wenn damit keine Wiederherstellung möglich ist. Angesichts von Cyberbedrohungen, die sich durch den zunehmenden Einsatz von KI laufend weiterentwickeln, müssen Unternehmen eine saubere Recovery-Umgebung schaffen, mit der sie kritische Systeme schnell, sicher und außerhalb der Kontrolle von Angreifern wiederherstellen können. Wiederherstellungsstrategien müssen die zugrunde liegende Infrastruktur, die das Funktionieren des Unternehmens ermöglicht, berücksichtigen, allen voran Identitätssysteme, die für den Zugriff, die Kontrolle und das Vertrauen in der gesamten Organisation von zentraler Bedeutung sind. Die Wiederherstellung von Identitäten wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Krisenbewältigung. Denn wenn Identitäten verloren gehen oder nicht verifiziert werden können, beeinträchtigt die daraus resultierende Störung nicht nur die technische Wiederherstellung, sondern erschwert auch zusätzlich die Kommunikation, Koordination und Entscheidungsfindung. Da Unternehmen nach einer Kompromittierung darauf angewiesen sind, Identitätssystemen weiterhin vertrauen zu können, unterscheidet sich deren Wiederherstellung von anderen Workloads. Unternehmen sollten einen stärker integrierten Ansatz in Betracht ziehen, der die Kompromittierung von Identitätssystemen (wie Active Directory, Entra ID, Okta, Ping Identity) als Teil der Wiederherstellung berücksichtigt. Dies ist entscheidend, um ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken, Störungen zu reduzieren und sich im Falle eines Angriffs effektiver zu erholen.
„Agentische KI verlangt neue Maßstäbe für die Datensicherung“ – Martin Zugec, Technical Solutions Director, Bitdefender
Wir werden gegenwärtig Zeugen einer grundlegenden Umwälzung in Sachen Datenresilienz. Unternehmen machen sich mit hoher Schlagzahl daran, agentische künstliche Intelligenz einzusetzen. Sie stülpen dabei komplexe, nicht-deterministische Modelle über eine vorhandene historische Infrastruktur. Als Resultat entsteht eine „Black Box”- Umgebung, für die eine traditionelle Recovery nicht mehr ausreicht.
2026 müssen sich alle Verantwortlichen vor allem einer doppelten Drucksituation bewusst sein: Erstens erhöht KI exponentiell – und in größerem Maße als je zuvor – die Datenmenge. Zweitens verlangt KI, die auf einer komplexen Orchestrierung und rekursiven Loops aufbaut, eine längere Datenvorhaltung, um so ein schleichendes Data Poisoning überstehen zu können, sowie nicht erkannte und nicht verwaltete technische Schulden zu vermeiden. Eine moderne und weiterhin resiliente Datenstrategie in Zeiten agentischer KI verlangt daher Antworten auf folgende Fragen: 1. Reicht unsere Backup-Historie weit genug zurück, um bei einem Irrtum der KI oder bei einem Data Poisoning, das nur langsam sichtbar wurde, einen sauberen Wiederherstellungspunkt zu bieten? 2. Wie lässt sich das massive, KI-generierte Rauschen identifizieren und ausblenden, bevor es zu einem nicht mehr verwaltbaren technischen Schuldenberg wird? 3. Lassen sich auch die KI-Workflows und die für die Wiederaufnahme der Operationen notwendige Logik wieder herstellen? Oder sichert ein Backup nur Artefakt-Trümmer eines abgebrochenen Prozesses?

Tobias Pföhler, EMEA Sales Director StorMagic
„Backup-Strategien von gestern passen nicht mehr zu den verteilten Umgebungen von heute.“ Tobias Pföhler, EMEA Sales Director StorMagic
©StorMagic

Sean Deuby, Principal Technologist, Semperis
„Die Wiederherstellung von Identitäten wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Krisenbewältigung.“ Sean Deuby, Principal Technologist, Semperis
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Martin Zugec, Technical Solutions Director, Bitdefender
„KI erhöht exponentiell – und in größerem Maße als je zuvor – die Datenmenge.“ Martin Zugec, Technical Solutions Director, Bitdefender
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